Das Frauenhaus im Dschungel


Bericht von Georg Amshoff / MISEREOR

Das Frauenhaus in Rande der Ortschaft Ghot in Zentralindien bietet Schutz vor Gewalt und Ausbeutung. Die jungen Inderinnen können hier auch lesen und schreiben lernen oder eine Ausbildung machen.

Wie Ordensschwestern im zentralindischen Dorf Ghot den Opfern männlicher Gewalt helfen. So könnte das Paradies aussehen. Strahlend blau der Himmel, sanft schwingen sich die Hügel bis zum Horizont, bedeckt mit smaragdgrün schimmernden Wäldern. Glitzernde Reisfelder in den Tälern, blühende Lotusteiche hier und dort. Die Frauen in ihren bunten Saris lachen und scherzen, sie spielen mit ihren Kindern oder genießen die Aussicht von der Terrasse des zweistöckigen Hauses am Ortsrand. Doch die Idylle trügt: Dies ist kein Ferienparadies, und die Frauen führen alles andere als ein unbeschwertes Leben. Denn sonst hätten sie nicht hierher fliehen müssen ? in ein Frauenhaus mitten in den letzten Dschungeln Indiens.

DAS LEID DER SCHWIEGERTÖCHTER
Gibt es wirklich die gleichen Probleme überall, weltweit? Schwester Avila, die Gründerin des Frauenhauses, nickt traurig. "Gewalt gegen Frauen", sagt sie, "ist ein schlimmes Problem hier". Die im Westen gerühmte indische Tradition der Gewaltfreiheit scheint sich nicht bis zu den Männern herumgesprochen zu haben. Schwester Avila: "Insbesondere die Leiden der Schwiegertöchter in den ersten Ehejahren sind sprichwörtlich: auch die Schwiegermütter verhalten sich meist nicht gerade vorbildlich."

PRÜGEL UND VERGEWALTIGUNG
Wenn bei den Männern Alkohol im Spiel ist, kommt es schnell zu einem Streit mit der Frau, zu Prügeln oder gar sexueller Gewalt. Die jungen Frauen müssen sich aber nicht nur vor ihren Ehemännern oder anderen Männern aus dem Dorf in Acht nehmen. Nicht wenige Täter tragen nämlich Uniform, stehen als Polizisten oder Soldaten im Staatsdienst. Wenn die Frauen sich gegen diese Vergewaltiger zur Wehr setzen wollen müssen sie untertauchen. Zuflucht finden sie nur schwer. Freundinnen und Nachbarinnen können (oder wollen) oft nicht helfen, weil sie ähnliche Probleme haben.

Zu ihren Müttern können die jungen Frauen nicht zurück, weil dann die jüngeren Schwestern nicht mehr verheiratet werden können. Hotels und Pensionen sind für sie absolut unerschwinglich.
Zum Glück gibt es die katholischen Ordensschwestern, die Trost und Zuflucht spenden, aber auch tatkräftig helfen: sei es bei Versöhnungsgesprächen oder Anzeigen, bei Scheidungen oder Unterhaltsansprüchen.

GOTTVERLASSENER ORT
Was hat die Nonnen an diesen gottverlassenen Ort verschlagen? "Hauptsächlich unser Wille, gerade den Ärmsten zu helfen", erläutert Schwester Gregoria, die Oberin der fünf indischen Schwestern vom Orden der "Sisters of the Spirit".
Deshalb haben wir uns bewusst diesen Ort ausgesucht, als wir vor 15 Jahren mit unserer Arbeit hier begannen."
Die Ordensschwestern begannen ihre Arbeit auf eine gründliche und demütige Art. "Erst mal habe ich drei Monate in einem Dorf gelebt, um die Menschen und ihre Probleme wirklich kennenzulernen", sagt Schwester Gregoria," ihre Denkweise, ihre Lebensumstände, ihre Sprache - alles". In dieser Zeit hat sie das Vertrauen der Menschen gewonnen.

Schwester Avila, eine ausgebildete Sozialarbeiterin und Rechtsanwältin, hat nicht nur Selbsthilfegruppen der Frauen organisiert. Sie hat auch nicht locker gelassen, bis sie die Gelder für den Bau des Frauenhauses aufgetrieben hatte. Schließlich hat sie das kirchliche Hilfswerk Misereor im fernen Deutschland überzeugen können, dass die Frauen im indischen Ghot Unterstützung brauchen. Die Förderung der Selbsthilfe habe in Indien höchste Priorität, heißt es dazu aus der Entwicklungshilfeorganisation in Aachen.

EIN LEBEN IM WALD
Die Frauen in Ghot sind nicht nur benachteiligt, weil sie Frauen sind. Sie gehören zu den Adivasi, den diskriminierten und ausgebeuteten Nachfahren der "Ureinwohner" Indiens (wörtlich übersetzt heißt Adivasi "erste Siedler").
Es gibt über 60 Millionen Adivasi. Damit sind sie weltweit die zahlenstärkste ethnische Minderheit. Seit alters her leben die Adivasi im Wald und von seinen Produkten - Honig, Nüssen, Früchten und kleinen Waldtieren.
Jetzt ist ihr Überleben bedroht, denn immer öfter fallen die Bäume den sägen der Holzmafia zum Opfer. Oder die Adivasi werden verjagt, weil auf ihrem Land Bodenschätze entdeckt wurden. Doch ohne den Wald sind die Adivasi verloren, denn hier wohnen ihre Götter und ahnen, hier finden sie ihre Nahrung und ihre traditionelle Medizin, und hier lebt ihre Dorfgemeinschaft.

ARM UND VERACHTET
Mit einem romantischen Dasein hat das Leben der Adivasi nichts zu tun: Bei Krankheit findet sich kein Arzt weit und breit, Schulen gibt es in den Dörfern ebenso wenig wie Strom oder gar Telefon, Unterernährung und Armut sind weit verbreitet. Wegen ihrer engen Verbindung zum Wald werden die Adivasi von den anderen Bevölkerungsgruppen verachtet. Kein wunder, denn seit alters her haben sich die indischen Könige gerühmt, Wald abzuholzen, um Ackerbau und letztlich Zivilisation zu ermöglichen.

Die Begriffe Sanskrit (Kultur) und Prakrit (Natur) verdeutlichen diese Haltung. Natur steht nämlich für unzivilisiert - und Menschen. die im Wald wohnen, können nach dieser Anschauung eigentlich keine richtigen Menschen sein.

AUSGEBEUTET UND SCHUTZLOS
Entsprechend werden sie auch behandelt. Zur Verachtung kommen Übervorteilung und Ausbeutung durch die Geldverleiher, Händler und Großgrundbesitzer der Gegend hinzu, sowie Vernachlässigung durch den indischen Staat, der seine durchaus beträchlichen Entwicklungsanstrengungen vor allem auf die Städte konzentriert. Das führt dazu, dass die Adivasi meist zu den Ärmsten in Indien gehören.
Im Einzugsgebiet des Schwestern-Ordens leben überdurchschnittlich viele Kastenlose (Dalits) und Adivasi. Die Analphabetenquote liegt bei 75 Prozent, bei Frauen beträgt sie sogar weit über 90 Prozent. Beinahe schutzlos sind die Frauen aus den niederen Schichten der Profitsucht und den sexuellen Begierden ihrer Arbeitgeber und oft auch gewalttätigen Ehemännern ausgeliefert. Gründe genug für ein Frauenhaus.

AUF DER SUCHE NACH LÖSUNGEN
Die Frauen haben selber darauf bestanden. Schutz vor Gewalt hätten sie bald als eines ihrer größten Probleme genannt, erzählt Schwester Avila: "wir haben in den umliegenden Dörfern kleine Gruppen aufgebaut, in denen die AdivasiFrauen zusammenkommen und versuchen, gemeinsam ihre wichtigsten Probleme zu benennen und Lösungsvorschläge zu entwickeln. Bald war klar, dass es so etwas wie das Frauenhaus geben muss." Zunächst hätten die Frauen die schlechte medizinische Versorgung beklagt, die Wucherzinsen des Geldverleihers oder den Analphabetismus. Also hätten die Schwestern kleine Kurse in Erster Hilfe und einfacher Medizin organisiert oder einen Lehrer für eine Abendschule engagiert.
"Den eigenen Namen schreiben zu können", sagt Schwester Avila, "hat die Frauen mit Freude erfüllt und ihr Selbstbewusstsein gestärkt".
Aber das reichte noch nicht - die Frauen wollten das Frauenhaus, "als Zeichen, dass sie sich keine Unterdrückung mehr gefallen lassen".

MAHER - DAS FRAUENHAUS
Schließlich konnte das Frauenhaus 1997 eröffnet werden. Die Frauen hatten es "Maher" genannt - in der lokalen Sprache Marathi bezeichnen verheiratete Frauen so ihr Elternhaus, als einen Ort der Geborgenheit und menschlicher Wärme. Es liegt am Rande der Ortschaft Ghot, die umgeben ist von Dörfern der Adivasi. Insgesamt 30 Frauen können aufgenommen werden. Ein guter Teil gehört nicht zu den Adivasi, sondern zu niederen Hindu-Kasten, bei denen die Frauen noch stärker benachteiligt sind als bei den Adivasi. Viele Frauen laufen 20 oder 30 Kilometer weit, manche kommen sogar von noch weiter her. Im Durchschnitt bleiben die Frauen sechs Monate. Die meisten sind jung, zwischen 20 und 30, viele bringen ihre kleinen Kinder mit.

LESEN UND SCHREIBEN LERNEN
Einfache Schränke und Klappstühle, Bastmatten anstelle von Möbel - das Leben hier ist sehr einfach. Separate Zimmer gibt es nicht; die Frauen schlafen gemeinsam in einer großen Halle im ersten Stock. 28 Frauen leben zur Zeit hier, und fast ein Dutzend Kinder spielen an diesem Morgen im Hof. Es herrscht rege Betriebsamkeit: Manche Frauen nähen oder sticken, andere beugen sich über ihre Schulhefte. Denn viele nutzen ihren Aufenthalt hier, um lesen und schreiben zu lernen - wer nicht als unwissende Analphabetin ins Dorf zurück geht, steht besser da.
Im Erdgeschoss des Hauses gibt es deshalb einen kleinen Klassenraum. Auch Mädchen aus dem Ort, die bisher keine Schule besuchen konnten, kommen hierher, um das Alphabet zu büffeln. Außerdem gibt es kleine Ausbildungskurse im Schneidern, Herstellen von Kinderspielzeug oder einfachen Lebensmittelkonserven. All das hilft, eigenes Geld zu verdienen und damit etwas unabhängiger zu werden.
Große Beliebtheit erfreut sich ein besonderer Kurs: Selbstverteidigung, und Karate. "allein im ersten Jahr", erzählt Schwester Avila mit einem Schmunzeln, "haben 15 Frauen den gelben Gürtel im Karate erlangt, zwei sind sogar Karate-Lehrerinnen geworden."

RECHTSHILFE
Das Frauenhaus in Ghot ist weit mehr als eine reine Zufluchtsstätte. So erhalten die Frauen auch eine ausführliche Rechtsberatung für ihren speziellen Fall sowie aktive Hilfe, wenn es zum Prozess kommt.
Über 60 Frauen vertritt Schwester Avila zur Zeit vor Gericht. Besonders wichtig ist ihr, die Frauen auch mit den Grundlagen des indischen Rechtssystems vertraut zu machen. Wie erstattet man eine Anzeige bei der Polizei? Und was tut man, wenn korrupte Beamte die Anzeige nicht aufnehmen wollen? So geschult, können die Frauen nach der Rückkehr in ihre Dörfer anderen weiterhelfen.

GEMEINSAM STARK
Armut, Ausbeutung und Unterdrückung überwinden - so lautet die zentrale Botschaft der Schwestern in Ghot. Die Frauengruppen in vielen Dörfern kämpfen jetzt gemeinsam gegen ihre Probleme. Großgrundbesitzer, Geldverleiher und korrupte Beamte können das Gesetz nicht mehr nach Gutdünken interpretieren, seit die Adivasi ihre Rechte kennen und sich wehren können. Und prügelnde Männer werden in die Schranken verwiesen, seit die Frauen das Frauenhaus haben.
Entscheidend ist bei all dem, das haben die Frauen gelernt, das sie zusammenhalten, sich gegenseitig stärken und gemeinsam handeln.


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Schwestern vom Heiligen Geist
Mutterhaus Marienhof
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